Was haben die Beatles und das Telefon gemeinsam? Sie wurden unterschätzt und lösten trotzdem eine Revolution aus. So wie die Plattenfirma Decca den noch unbekannten Pilzköpfen aus Liverpool 1962 eine herbe Abfuhr erteilte, soll auch die US-Telegrafenindustrie bei der Vorstellung des neuen „Verkehrsmittels“ geurteilt haben: kein kommerzieller Nutzen zu erkennen. Was für ein Riesenirrtum. Am 14. Februar 1876 wurde in den Vereinigten Staaten das Telefon patentiert. Heute, 150 Jahre danach, rast unaufhörlich eine unfassbare Menge von Datenpaketen über den Planeten, ohne die die globale Wirtschaft und die Gesellschaften schlicht zusammenbrächen. „Bell-Apparate“, so wurden die ersten Telefone auch genannt. Das war keineswegs eine Anspielung auf die noch sehr mangelhafte Übertragungsqualität, sondern einfach eine Würdigung ihres (Mit-)Erfinders: des Schotten Alexander Graham Bell (1847-1922), von Beruf Taubstummenlehrer. Über Jahre schon hatte die neuartige Form der Kommunikation sozusagen in der Luft gelegen. In Frankreich, Italien und Deutschland tüftelten findige Forscher (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article69145a300407e2fef73ca07d/mikrowelle-vom-radar-test-zum-kuechenhit-die-schoko-panne-die-alles-aenderte.html) zeitgleich an einer Methode zum „Fernsprechen“ – so die deutsche Übersetzung von „Tele-Phonieren“. Die Patentierung wurde zum Wettlauf mit der Zeit: Nur um zwei Stunden kam Bell schließlich seinem Kontrahenten Elisha Gray (1835-1901) zuvor. Dennoch war der ernsthafteste Gegenspieler Bells um die Erfindung des „Telephons“ ein Deutscher. Johann Philipp Reis (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article249787722/Philipp-Reis-Der-fast-vergessene-Erfinder-des-Telefons-war-ein-Deutscher.html) (1834-1874) aus Hessen stellte sein batteriebetriebenes Produkt schon 1860 vor. Doch die Öffentlichkeit hielt es eher für ein Kuriosum, auch weil es sämtliche Vokale verschluckte. Der Wahlamerikaner Bell war ein geschickterer Vermarkter seiner Idee, und so gilt er nun mit einigem, wenn auch nicht mit vollem Recht als Erfinder des Telefons. Und auch er brauchte einen glücklichen Zufall. „Herrgott, es spricht“, soll der abgesetzte Kaiser von Brasilien Peter II. ausgerufen haben, als er auf einem Rundgang durch die Industrie-Ausstellung von Philadelphia 1876 in einer Ecke Bell und sein Telefon entdeckte und die Erfindung sogleich ausprobierte. Das kaiserliche Zitat rauschte durch den Blätterwald, und der Siegeszug der „Bell-Apparate“ nahm seinen Lauf. Nicht ohne Spott zunächst. In Berlin etwa mokierte sich die Schickeria über den „amerikanischen Schwindel und Humbug“. Das deutsche Telefon-Patent sicherte sich im Dezember 1877 Werner Siemens. In Berlin entstand Anfang 1881 das erste Ortsnetz mit acht Teilnehmern. Das erste schmale Fernsprechverzeichnis der Reichshauptstadt wurde Ende 1881 noch als „Buch der 94 Narren“ verhöhnt. Doch schon sehr bald war das Telefon Luxus- und Kultobjekt. Die freundliche Frage „Hallo, hier Amt. Was beliebt?“ wurde ein Tor zur Welt. Ein Medium für jedermann wurde das Telefon auch in der Bundesrepublik erst in den 1970ern und -80ern. Noch 1963 besaß erst jeder siebte West-Haushalt einen eigenen Anschluss; in der DDR lag die Quote noch weit darunter. Bis 1983 stieg der Anteil im Westen bis auf 88 Prozent, im Wendejahr 1989 lag er schließlich bei 97 Prozent. Im Osten warteten da noch 1,3 Millionen Haushalte auf einen Anschluss. Zu allen Zeiten seiner nunmehr rasanten Entwicklung war der Fernsprecher Statussymbol, Synonym für Schnelligkeit und Modernität. Filmstars, Politiker, Musiker: Wer etwas auf sich hielt, posierte mit dem Hörer in der Hand, wenn möglich noch mit Zigarette, gemäß der Formel: Tempo + Genuss = Erfolg. Edgar Wallace und Alfred Hitchcock – was wären ihre Krimis ohne den anonymen Anruf? Doch auch die Film-Plots mussten sich den Weiterentwicklungen auf dem Gebiet der Telekommunikation anpassen. Mancher „Tatort“ des späten 20. Jahrhunderts (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article246012940/Erster-Schimanski-Tatort-Nach-zwoelf-rohen-Eiern-musste-sich-Goetz-George-uebergeben.html) würde heute überhaupt nicht mehr funktionieren – weil der Kommissar per Smartphone laufend über die neuesten Entwicklungen informiert ist, statt im entscheidenden Moment ans falsche Ende der Stadt zu rasen. Wichtiger noch als die Verbrechensbekämpfung ist: die Liebe. Von Anfang an diente die Telefonleitung auch als heißer Draht zwischen den Geschlechtern. Ein Beispiel: das Tischtelefon in Tanzlokalen und Bars, eine Erfindung im pulsierenden Berlin der 1920er-Jahre. Früher reichte mitunter auch schon die schöne Stimme des „Fräuleins vom Amt“, um Männerherzen höher schlagen zu lassen. Heute wählt Mann nicht mehr die „Vermittlung“, um mit Damen anzubandeln, sondern ganz andere Adressen... Alles ist eben so extrem schnell geworden. Nicht nur bei Liebeskummer dient vielen Verzweifelten eine andere Nummer als letzter Halt: die Telefonseelsorge (verlinkt auf https://www.telefonseelsorge.de/) . 1953 in London erfunden, war der Ausgangspunkt in Deutschland einmal mehr Berlin; 1956 lag die Suizidrate im Westteil der Stadt höher als in irgendeiner anderen europäischen Metropole. Die „Ärztliche Lebensmüdenberatung“ des Pfarrers und Psychotherapeuten Klaus Thomas machte bald auch in anderen Städten Schule. Nur einige der Themen: Einsamkeit, Krankheit, Schulden, Mobbing im Beruf, Sucht- und Schulprobleme oder Arbeitslosigkeit. Mit dem Siegeszug des Handys (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article251634104/Telefon-Von-Adenauers-16-Kilo-Autotelefon-zum-ersten-Mobilgeraet-fuer-die-Massen.html) hat ein Begriff eine völlige Bedeutungsumkehr erfahren: „öffentlicher Fernsprecher“. Früher handelte es sich dabei um gelbe, öffentlich zugängliche Kabinen, in denen man, leidlich in seiner Intimität geschützt, über räumliche Distanz hinweg privat sprechen konnte. Heute befinden sich öffentliche Fernsprecher überall – nur gerade nicht mehr in Telefonzellen. Mitten in der Öffentlichkeit beredet man private, geschäftliche oder ganz und gar belanglose Angelegenheiten, und zwar mitunter so laut, dass die zum Zuhören Gezwungenen meinen, der Sprecher brauche zur Überbrückung der Entfernung gar kein Telefon mehr. 6-G-Netz, Download- und Streaming-Dienste, Hybrid Access, Datenübertragungsrate auf Smartphones und anderen mobilen Endgeräten – der Mensch des 21. Jahrhunderts spricht eine neue Sprache, vor der der Taubstummenlehrer Alexander Graham Bell ganz sicher kapitulieren müsste. Sein Patent hat die Welt verändert und verändert sie noch immer, schneller als man wählen kann. Als der Großunternehmer im August 1922 mit 75 Jahren starb, ruhte zu seinem Gedenken in den USA noch für eine Minute der gesamte Telefonverkehr. Ein gutes Jahrhundert später wäre so etwas nicht mehr zu organisieren.